Die Geschichte des Kantons Schwyz, Band 4, S. 167-193

Die Politik im 19. und 20. Jahrhundert

Autorin: Corinne Bara-Zurfluh

ZUSAMMENFASSUNG Der Kanton Schwyz tickt politisch etwas anders als der Rest der Schweiz. Den Beweis dafür lieferte einmal mehr die Abstimmung über die Weiterführung der Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union und ihre Ausdehnung auf die neuen EU-Mitglieder Rumänien und Bulgarien vom 8. Februar 2009, die der Kanton Schwyz als einziger Kanton der Zentralschweiz ablehnte. Im 20. Jahrhundert stimmten die Schwyzer im Durchschnitt in jeder fünften eidgenössischen Abstimmung anders als die Mehrheit ihrer Miteidgenossen und führten die Liste der Kantone an, die am häufigsten ein Nein in die Urne legten. Das Schwyzer Nein drückt nebst Misstrauen und Trotz seit je auch eine gewisse Verunsicherung aus. Nach dem Ersten Weltkrieg war es die wirtschaftliche Misere, in neuerer Zeit die rasante Entwicklung vom Armenhaus der Schweiz zum Steuerparadies, die diese Verunsicherung genährt hat. Dass die konservative Partei und später die CVP als scheinbare Garantin für Konstanz den Kanton 150 Jahre lang fast allein regierte, ist unter diesen Umständen nicht überraschend und hat die schwyzerische politische Kultur tief geprägt. Im Kantonsrat hatte die CVP bis 1992, im Regierungsrat gar bis 2004 eine absolute Mehrheit. Erst 2008 wurde die CVP von der SVP als stärkste Partei abgelöst, vordergründig ein historischer Machtwechsel, bei genauerer Betrachtung jedoch ein Zeichen dafür, dass die Schwyzer eine starke konservative Partei wollen. Die CVP als Nachfolgerin der alten katholisch-konservativen Partei war vielen nicht mehr konservativ genug, sodass die SVP diese Lücke füllen konnte. Die politische Gesinnung der Schwyzer ist relativ konstant. Sie wollten von «fremden Mächten» noch nie etwas wissen und haben zu jeder Zeit den Beitritt zu internationalen Organisationen abgelehnt. Ihre historische Unabhängigkeit als souveräner Stand Schwyz haben sie nie ganz vergessen. Dementsprechend gross ist die Aversion der Schwyzer gegen jegliche Obrigkeit, komme diese nun aus dem Kantonshauptort, aus Bern oder aus Brüssel. Da der Kanton als Minimalstaat mit bescheidenen finanziellen Mitteln konzipiert wurde, hat hier seit je vieles nur dank der Eigeninitiative von Privaten und kirchlichen Institutionen funktioniert. Verständlich also, dass die Schwyzer jegliche Regularisierung und staatliche Einmischung ablehnen. Mit ihrem eigenwilligen Abstimmungsverhalten lassen sie das «die da oben» in regelmässigen Abständen spüren.

 

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