Die Geschichte des Kantons Schwyz, Band 5, S. 9-31

Gesellschaftlicher Wandel 1750–2010 – Stände, Schichten, Wanderungen

Autor: Beat Frei

ZUSAMMENFASSUNG Der gesellschaftliche Wandel seit dem 18. Jahrhundert nahm im Kanton Schwyz je nach Zeit und Region einen unterschiedlichen Verlauf. Einen guten Einblick in die gesellschaftliche Dynamik am Ausgang des Ancien Régime gibt Pfarrer Thomas Fassbinds zeitgenössische Darstellung der «Verschiedenheit der Einwohner» im Alten Land Schwyz. Fassbind veranschaulicht einerseits die starke ständische Gliederung der Altschwyzer Gesellschaft (Herrenstand, Bauernstand, Handwerksstand und so weiter), betont andererseits aber auch das zunehmende Auffächern der Gesellschaft in eine Vielzahl von Schichten und Gruppen, das dem Ständeideal zuwiderlief.
Eine Auswertung der 1848 erhobenen Vermögenssteuer zeigt, dass der soziale Wandel in den Jahrzehnten nach der Kantonsgründung abgebremst wurde. Im Bezirk Schwyz wurde die Gesellschaft weiterhin von «Herrenfamilien» mit traditioneller Vermögensbasis (Politik, Militär, Soldunternehmertum) angeführt; im Bezirk Gersau konnte sich ebenfalls die angestammte, hier (proto)industrielle Führungsschicht behaupten. Auch in der March bildeten nach wie vor ländliche Dorfpotentaten die Spitze der Gesellschaft. Einzig im Bezirk Einsiedeln vermochte sich eine neue, bürgerlich-gewerbliche Oberschicht zu etablieren. In den Bezirken Küssnacht und Höfe fehlte eine starke einheimische Führungselite. Das bot gute Voraussetzungen für die aus anderen Kantonen zugezogenen Fabrikanten, die um 1820 in den Randregionen die Industrialisierung des Kantons einleiteten.
Nach 1850 wurde die gesellschaftliche Entwicklung stark beeinflusst von der Aus- und Zuwanderung. Der Kanton Schwyz wies 1887 bis 1939 die drittgrösste Auswanderungsquote in der Schweiz auf. Gleichzeitig setzte eine immer stärkere Zuwanderung ein. Diese führte am Ausgang des 20. Jahrhunderts zu einer interkantonalen, internationalen und konfessionellen Durchmischung der Wohnbevölkerung und zu einer «Überschichtung» der Gesellschaft durch wohlhabende Zuzüger in den Randbezirken.

 

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