Möckli, Urs (Hg.). - Hölloch. Naturwunder im Muotatal. - Zürich, 2000.
   

Auch wenn das Hölloch im Muotatal nicht mehr die längste Höhle der Welt ist (mit diesem Titel konnte es sich zwischen 1955 und 1967 schmücken), so gehört es mit der vermessenen Länge von 184 Kilometern doch zu den längsten Höhlen der Welt. An der Faszination dieses Naturwunders ändert der "verlorene Weltmeistertitel" nichts, das belegt der vorliegende Sammelband eindrücklich. Die sechs Beiträge stammen von verschiedenen Autoren, der inhaltliche Rahmen reicht von der Landschaft über dem Hölloch, einem ausgedehnten Besuch in der Höhle, der Geschichte der Erschliessung des Höllochs, der Darstellung der harten Forschungstätigkeit und der Schilderung einer simulierten Rettungsaktion bis zu den Eindrücken eines Schriftstellers. Im Mittelpunkt stehen allerdings weniger die Texte als vielmehr das ausgezeichnete Foto- und Bildmaterial. Die vielen Fotos bringen die Wunderwelt des Höllochs nahe, sie lassen den Betrachter staunen über die "Unterwelt", ihre Schönheiten und ihre Faszination.
        
Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Landschaft über dem Hölloch, dem Bödmerenwald und der Silberen. Der Bödmerenwald ist ein Urwald in der Alpenregion. Früher wurde er wegen der schwierigen Topographie nicht genutzt, heute ist er geschützt. Er steht auf Karstgebiet; das Wasser versickert im Boden und gelangt ins Hölloch. Der Bödmerenwald besticht durch seine Vielfalt und Einzigartigkeit. Über der Baumgrenze erstreckt sich das Gebiet der Silberen, eine Karstwüste. Aber auch hier belebt die Natur die Steinwüste und kämpft gegen die unwirtlichen Bedingungen. Das zweite Kapitel stellt einen Besuch im Hölloch vor. Der Autor nimmt eine Expedition als roten Faden, dabei führt er den Leser in die verschiedenen Bereiche der Höhle. Neben Beschreibungen der verschiedenen Teile stehen Fragen wie "Warum entstehen Karsthöhlen?" im Zentrum. Der Grund liegt in der Kalklösung durch das Wasser. Aufgrund der wechselnden Bedingungen entstehen unterschiedlich grosse Höhlen resp. Gänge; es lassen sich grundsätzlich vier Phasen unterscheiden. Allerdings ist die Entstehung einer Höhle ein komplizierter, mehrphasiger Prozess, der eng mit der Talbildung verknüpft ist (S. 88). Es lassen sich daraus Rückschlüsse auf das Alter einzelner Höhlenteile ziehen. Das Hölloch besteht aus drei Systemen. Das Hochsystem reicht weit vor die Eiszeiten zurück, das mittlere System ist rund 600 000 Jahre alt, und das unterste System ist in einer Zwischeneiszeit entstanden. Ausführlich werden die Tropfsteine (Stalaktiten und Stalagmiten) sowie Versinterungen vorgestellt. Zwei Zwischenkapitel befassen sich mit dem Leben in der Dunkelheit (im Hölloch sind 58 Tierarten nachgewiesen) sowie der Paläoklimatologie und Altersdatierung. Die Tropfsteine vermitteln guten Aufschluss über das vergangene Klima, die Struktur und die Färbung bilden die Indikatoren.
         
Spannend ist auch das dritte Kapitel, das die Erschliessung des Höllochs beschreibt. Als Entdecker des Höllochs gilt Alois Ulrich, er hat sich 1875 erstmals in die Höhle gewagt - die entsprechenden Postkarten datieren allerdings aus dem Jahr 1900. Der Begründer des Hölloch-Tourismus ist Hans Widmer, er wurde anlässlich eines Besuches im Muotatal 1899 vom Höllochfieber gepackt. In den nächsten Jahren hielt er sich häufig im Hölloch auf, dabei zeichnete er auch Höhlenkarten. Ihm schwebte die Erforschung und die kommerzielle Erschliessung vor. Für seine Pläne konnte er belgische Investoren gewinnen. 1905 begann der Ausbau der Höhle, der das Hölloch zu einer Touristenattraktion machen sollte, im Sommer 1906 war die Eröffnung. Die Investitionen betrugen rund eine Million Franken, eine enorme Summe. Allerdings blieben die Gäste aus; die hochfliegenden Pläne endeten im Fiasko. 1909 musste die Gesellschaft den Konkurs erklären, das grosse Hochwasser von 1910 zerstörte den grössten Teil der Installationen in der Höhle. In den gleichen Zusammenhang gehört der Bau des "Hôtel & Pension des Grottes", auch dieses Hotel fallierte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Forschungstätigkeit wieder aufgenommen. Schon bald prägte Alfred Bögli die Forschungsaktivitäten. Sein zehntägiger Einschluss in der Höhle im August 1952 sorgte für gewaltiges Aufsehen und machte das Hölloch schweizweit wieder bekannt. In den folgenden Jahren wurde kontinuierlich weitergeforscht, von 1955 bis 1967 war das Hölloch die längste Höhle der Welt. Dieses Kapitel wird mit eindrücklichen historischen Fotos illustriert. Sie zeigen das Dorf, die Höhle, wichtige Personen und die Erschliessungsarbeiten in den Jahren von 1900 bis 1910. Reizvoll sind auch die zeitgenössischen Werbemittel.
     
Die Forschungstätigkeit wird auch heute fortgesetzt, das zeigt das vierte Kapitel. Seit mehr als 20 Jahren untersuchen Forscher der Höhlengemeinschaft Höllochforschung das Höhlensystem im Silberengebiet, das sogenannte Silberensystem, und hoffen, einen Zugang zum Hölloch zu finden - Wasserfärbungen haben die Verbindung bereits nachgewiesen. Dass das Erforschen von Höhlen harte Knochenarbeit ist, belegen Text und Fotos eindrücklich. Aber ohne solche Enthusiasten, die von der Lust am Abenteuer und der Entdeckerfreude angetrieben werden, würden keine neuen Gänge ausfindig gemacht. Die simulierte Rettungsübung und die Gedanken des Schriftstellers Peter Stamm über eine dreissigstündige Expedition im Hölloch hängen mit den Aktivitäten des Trekking Team zuammen. Seit einigen Jahren vermittelt dieses professionelle Unternehmen Epeditionen von unterschiedlicher Dauer im Hölloch. Der Respekt und die Achtung vor der Natur soll auch in Zukunft gewahrt bleiben. Der Anhang enthält wichtige Informationen. Dazu gehören Fachbegriffe aus der Welt der Höhlenforschung, Trips und Tipps (von Besuchen im Hölloch bis zu Wandervorschlägen) sowie Literatur und Karten. Eindrücklich ist der beigelegte Übersichtsplan über das Hölloch. Er dokumentiert den Stand der Vermessung am 1. Mai 2000 und zeigt die gewaltigen Dimensionen des weitverzweigten Höhlensystems. Dabei sind das Basissystem, das Hochsystem und der Göttergang (sie machen das Hölloch aus) sowie das Silberensystem und isolierte Höhlen berücksichtigt. (Erwin Horat)

       
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