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Auch wenn das Hölloch im Muotatal nicht mehr die
längste Höhle der Welt ist (mit diesem Titel konnte es sich zwischen
1955 und 1967 schmücken), so gehört es mit der vermessenen Länge von
184 Kilometern doch zu den längsten Höhlen der Welt. An der Faszination
dieses Naturwunders ändert der "verlorene Weltmeistertitel"
nichts, das belegt der vorliegende Sammelband eindrücklich. Die sechs
Beiträge stammen von verschiedenen Autoren, der inhaltliche Rahmen reicht
von der Landschaft über dem Hölloch, einem ausgedehnten Besuch in der
Höhle, der Geschichte der Erschliessung des Höllochs, der Darstellung
der harten Forschungstätigkeit und der Schilderung einer simulierten
Rettungsaktion bis zu den Eindrücken eines Schriftstellers. Im
Mittelpunkt stehen allerdings weniger die Texte als vielmehr das
ausgezeichnete Foto- und Bildmaterial. Die vielen Fotos bringen die
Wunderwelt des Höllochs nahe, sie lassen den Betrachter staunen über die
"Unterwelt", ihre Schönheiten und ihre Faszination.
Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Landschaft über dem Hölloch,
dem Bödmerenwald und der Silberen. Der Bödmerenwald ist ein Urwald in
der Alpenregion. Früher wurde er wegen der schwierigen Topographie nicht
genutzt, heute ist er geschützt. Er steht auf Karstgebiet; das Wasser
versickert im Boden und gelangt ins Hölloch. Der Bödmerenwald besticht
durch seine Vielfalt und Einzigartigkeit. Über der Baumgrenze erstreckt
sich das Gebiet der Silberen, eine Karstwüste. Aber auch hier belebt die
Natur die Steinwüste und kämpft gegen die unwirtlichen Bedingungen. Das
zweite Kapitel stellt einen Besuch im Hölloch vor. Der Autor nimmt eine
Expedition als roten Faden, dabei führt er den Leser in die verschiedenen
Bereiche der Höhle. Neben Beschreibungen der verschiedenen Teile stehen
Fragen wie "Warum entstehen Karsthöhlen?" im Zentrum. Der Grund
liegt in der Kalklösung durch das Wasser. Aufgrund der wechselnden
Bedingungen entstehen unterschiedlich grosse Höhlen resp. Gänge; es
lassen sich grundsätzlich vier Phasen unterscheiden. Allerdings ist die
Entstehung einer Höhle ein komplizierter, mehrphasiger Prozess, der eng
mit der Talbildung verknüpft ist (S. 88). Es lassen sich daraus
Rückschlüsse auf das Alter einzelner Höhlenteile ziehen. Das Hölloch
besteht aus drei Systemen. Das Hochsystem reicht weit vor die Eiszeiten
zurück, das mittlere System ist rund 600 000 Jahre alt, und das unterste
System ist in einer Zwischeneiszeit entstanden. Ausführlich werden die
Tropfsteine (Stalaktiten und Stalagmiten) sowie Versinterungen
vorgestellt. Zwei Zwischenkapitel befassen sich mit dem Leben in der
Dunkelheit (im Hölloch sind 58 Tierarten nachgewiesen) sowie der
Paläoklimatologie und Altersdatierung. Die Tropfsteine vermitteln guten
Aufschluss über das vergangene Klima, die Struktur und die Färbung
bilden die Indikatoren.
Spannend ist auch das dritte Kapitel, das die Erschliessung des Höllochs
beschreibt. Als Entdecker des Höllochs gilt Alois Ulrich, er hat sich
1875 erstmals in die Höhle gewagt - die entsprechenden Postkarten
datieren allerdings aus dem Jahr 1900. Der Begründer des
Hölloch-Tourismus ist Hans Widmer, er wurde anlässlich eines Besuches im
Muotatal 1899 vom Höllochfieber gepackt. In den nächsten Jahren hielt er
sich häufig im Hölloch auf, dabei zeichnete er auch Höhlenkarten. Ihm
schwebte die Erforschung und die kommerzielle Erschliessung vor. Für
seine Pläne konnte er belgische Investoren gewinnen. 1905 begann der
Ausbau der Höhle, der das Hölloch zu einer Touristenattraktion machen
sollte, im Sommer 1906 war die Eröffnung. Die Investitionen betrugen rund
eine Million Franken, eine enorme Summe. Allerdings blieben die Gäste
aus; die hochfliegenden Pläne endeten im Fiasko. 1909 musste die
Gesellschaft den Konkurs erklären, das grosse Hochwasser von 1910
zerstörte den grössten Teil der Installationen in der Höhle. In den
gleichen Zusammenhang gehört der Bau des "Hôtel & Pension des
Grottes", auch dieses Hotel fallierte. Erst nach dem Zweiten
Weltkrieg wurde die Forschungstätigkeit wieder aufgenommen. Schon bald
prägte Alfred Bögli die Forschungsaktivitäten. Sein zehntägiger
Einschluss in der Höhle im August 1952 sorgte für gewaltiges Aufsehen
und machte das Hölloch schweizweit wieder bekannt. In den folgenden
Jahren wurde kontinuierlich weitergeforscht, von 1955 bis 1967 war das
Hölloch die längste Höhle der Welt. Dieses Kapitel wird mit
eindrücklichen historischen Fotos illustriert. Sie zeigen das Dorf, die
Höhle, wichtige Personen und die Erschliessungsarbeiten in den Jahren von
1900 bis 1910. Reizvoll sind auch die zeitgenössischen Werbemittel.
Die Forschungstätigkeit wird auch heute fortgesetzt, das zeigt das vierte
Kapitel. Seit mehr als 20 Jahren untersuchen Forscher der
Höhlengemeinschaft Höllochforschung das Höhlensystem im Silberengebiet,
das sogenannte Silberensystem, und hoffen, einen Zugang zum Hölloch zu
finden - Wasserfärbungen haben die Verbindung bereits nachgewiesen. Dass
das Erforschen von Höhlen harte Knochenarbeit ist, belegen Text und Fotos
eindrücklich. Aber ohne solche Enthusiasten, die von der Lust am
Abenteuer und der Entdeckerfreude angetrieben werden, würden keine neuen
Gänge ausfindig gemacht. Die simulierte Rettungsübung und die Gedanken
des Schriftstellers Peter Stamm über eine dreissigstündige Expedition im
Hölloch hängen mit den Aktivitäten des Trekking Team zuammen. Seit
einigen Jahren vermittelt dieses professionelle Unternehmen Epeditionen
von unterschiedlicher Dauer im Hölloch. Der Respekt und die Achtung vor
der Natur soll auch in Zukunft gewahrt bleiben. Der Anhang enthält
wichtige Informationen. Dazu gehören Fachbegriffe aus der Welt der
Höhlenforschung, Trips und Tipps (von Besuchen im Hölloch bis zu
Wandervorschlägen) sowie Literatur und Karten. Eindrücklich ist der
beigelegte Übersichtsplan über das Hölloch. Er dokumentiert den Stand
der Vermessung am 1. Mai 2000 und zeigt die gewaltigen Dimensionen des
weitverzweigten Höhlensystems. Dabei sind das Basissystem, das Hochsystem
und der Göttergang (sie machen das Hölloch aus) sowie das Silberensystem
und isolierte Höhlen berücksichtigt. (Erwin Horat) |