«Mitteilungen 2019»


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Mitteilungen des Historischen Vereins des Kantons Schwyz 111 / 2019 erschienen
 
«Mitteilungen»: zu den Quellen und auf historischem Neuland
 
Auf 220 Seiten präsentieren die «Mitteilungen des Historischen Vereins des Kantons Schwyz» viel Neues aus unterschiedlichen Epochen. Die neun reich bebilderten Beiträge umfassen ein Spektrum vom schwyzerischen Teil des auf nationaler Ebene aufgearbeiteten Kapitels der administrativen Versorgungen im 20. Jahrhundert über Einblicke ins bisher kaum erforschte Leben von Schwyzer Klosterfrauen vor 1848 bis zu neuen Erkenntnissen zu den Pfahlbausiedlungen bei der Insel Lützelau.
 
hvs. Geschichtsschreibung ist in den vergangenen Jahren oft die Neuinterpretation von bereits Bekanntem gewesen. Sie ist aber im Idealfall das Begehen neuer und unbekannter Spuren. Die 111. Ausgabe der «Mitteilungen» des Historischen Vereins ist ein gutes Beispiel für Letzteres. Dass das Begehen von neuen Wegen Interessantes, aber nicht immer nur «Erfreuliches» zutage fördert, ist auch eine Konsequenz des Anspruchs, auf originalen Quellen gestützt über Vergangenes zu berichten. Dies leisten die «Mitteilungen» mit einem Beitrag zu den administrativen Versorgungen im Kanton Schwyz. Von den Schwyzer Behörden bis Anfang der 1970er-Jahre angeordnete Massnahmen waren dafür verantwortlich, dass zahlreiche Männer und Frauen, die den gesellschaftlichen Normen nicht entsprachen oder Mühe hatten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, in der Zwangsarbeitsanstalt Kaltbach in Schwyz oder in ähnlichen Institutionen untergebracht wurden.

Fast 1300 Zwangsversorgungen in 35 Jahren
Sara Galle, Flavia Grossmann und Mirjam Häsler Kristmann haben als Mitarbeiterinnen der Unabhängigen Expertenkommission Administrative Versorgungen die Entstehung und Entwicklung der Gesetzesgrundlagen, das Behördenhandeln, den Alltag in den Anstalten und die Biografien von Betroffenen untersucht. Ihre Erkenntnisse sind in die Berichte eingeflossen, welche vor kurzem für die ganze Schweiz publiziert wurden. Der Artikel in den «Mitteilungen» beleuchtet die Verhältnisse im Kanton Schwyz, insbesondere die zentrale Rolle, welche die Zwangsarbeitsanstalt Kaltbach in Schwyz für die Umsetzung von Massnahmen hatte. Die Autorinnen machen aber auch deutlich, dass es für die 1280 Anträge von kommunalen Behörden aus dem Kanton Schwyz und anderen Kantonen, welche der Regierungsrat von 1935 bis 1970 für die Beurteilung von Zwangsversorgungen hatte, kaum Alternativen zum «Kaltbach» gab. Es gab weder ein Gefängnis noch ein Erziehungsheim oder eine psychiatrische Klinik im Kanton. Mit dem Gesetz über die Errichtung einer Zwangsarbeitsanstalt von 1896, mit der Polizeiverordnung von 1892 und dem Zivilgesetzbuch operierte man zudem mit einem gesetzlichen Gerüst, das klare Rahmenbedingungen setzte. Die Autorinnen halten allerdings fest: «Gleichwohl waren Anstaltsversorgungen keine von oben initiierten Entscheide. Ausgangspunkt bildete vielmehr das nahe Umfeld der Personen in den Gemeinden. Familienangehörige, Verwandte, Nachbarn und Vormunde konnten eine Anzeige an die kommunalen Behörden richten. Diese gelangten mit ihrem Antrag je nach Rechtsgrundlage entweder ans Bezirksamt oder direkt an den Regierungsrat.» Der Artikel schildert anschaulich Einzelschicksale und die zentrale Rolle des kantonalen Schutzaufsichts- und Fürsorgeamts.
Titelblatt der Broschüre des Schwyzer Schutzaufsichtsbeamten, um 1930: Dargestellt ist die idealisierte Sicht der Schutzaufsicht mit einem Patron, der seinen «Schützling» nach seiner Entlassung im Gefängnishof empfängt und begleitet. (Bild: Staatsarchiv Schwyz)
Präsentation zu administrativen Versorgungen im Kanton Schwyz am Sonntag, 8. Dezember 2019, im Hotel Sternen in Pfäffikon anschl. an die Jahresversammlung des Historischen Vereins des Kantons Schwyz. Link zum Programm

Schwyzer Klosterfrauen als frühneuzeitliche CEOs
Auf unbekanntes Terrain begeben hat sich auch Martin Kälin-Gisler bei ihrer Suche nach Schwyzer Klosterfrauen. Dabei hat sie für den Zeitraum von 1550 bis 1848 über 400 Schwyzerinnen gefunden, welche in Schweizer Frauenklöster eingetreten sind. Fast zwei Drittel der Schwyzerinnen waren in einem Schwyzer Kloster. Die akribische Analyse von über 30 Klostergemeinschaften hat unglaublich viel Interessantes zutage gefördert. So kann Martina Kälin-Gisler zeigen, dass sich die heute in vielen Klostergemeinschaften übliche «strenge» Klausur erst ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts oder gar im 19. Jahrhundert durchsetzte. Zwei Drittel der Frauen stammten aus dem Land Schwyz (dem heutigen Bezirksgebiet); auch aus Einsiedeln traten über 60 Frauen in Klöster ein. Aus dem Bezirk Höfe wiederum konnten «nur» fünf Frauen eruiert werden. Die Autorin macht daran deutlich, dass sie mit ihrer Forschungsarbeit, welche mit einer Tabelle zu allen erfassten Frauen abgerundet wird, die Türe zu diesem Feld erst aufgestossen hat. Sie zeigt anhand von Beispielen zu Schwyzer Äbtissinnen, dass sich die vertiefte Auseinandersetzung mit diesen frühneuzeitlichen CEOs absolut lohnt.
 

Neues zur Insel Ufnau
1958 fanden auf der Insel Ufnau umfangreiche archäologische Grabungen statt. 2007 kam es im Rahmen einer so genannten Rettungsgrabung zu weiteren Untersuchungen, vorab um die Kirche St. Peter und Paul. Jakob Obrecht hat diese Grabungen nun mit Unterstützung von weiteren Spezialistinnen und Spezialisten dokumentiert – und dabei viel Spannendes entdeckt, welches die Erkenntnisse von 1958 ergänzt und erweitert. So fanden die Archäologen auch 2007 Material, das menschliche Spuren vom Neolithikum bis in die Gegenwart belegt. Beim gallorömischen Vierecktempel etwa wurden zwei bisher unbekannte Treppensockel freigelegt. Bei der Kirche St. Peter und Paul vermutet Obrecht die Existenz eines ersten Beinhauses. Im Detail dokumentiert und bildlich dargestellt werden die Materialfunde sowie die Grablegen um diese Kirche. Diese belegen zum Beispiel, dass im Osten und Süden der Kirche die bevorzugten Lagen für nicht erwachsene Verstorbene waren.
 

Vom «Blockbau» zum Herrschaftshaus
Das Haus Immenfeld in der unteren Perfiden in Schwyz ist eine der eindrücklichsten Wohnanlagen am Hauptort. Ulrike Gollnick, Michael Tomaschett und Thomas Weber haben sich auf die Spuren der Anlage begeben und vier wesentliche Bauphasen festmachen können, welche aus dem Blockbau mit Laube im Jahr 1580 das Herrschaftshaus mit Erweiterungsbau werden liessen, das um 1710 fertig erstellt war. Die Autoren beschreiben in ihrem reich bebilderten Beitrag zudem die mobile und immobile Ausstattung und lassen so den Leser am eindrücklichen Innenleben des Hauses teilhaben.
 

Pfahlbausiedlung bei Lützelau: «Jäger- oder Fischerhütten»?
Lücken in der Überlieferung lassen Raum für Interpretation – und für das Weiterdenken. Dies belegt ein kurzer, aber eindrücklicher Beitrag von Niels Bleicher zu den archäologischen Forschungen zur prähistorischen Lützelau. Neueste Erkenntnisse zum Siedlungsplatz lassen vermuten, dass die Bauten bei der Insel Lützelau um 3400 vor Christus möglicherweise nicht als «normale» Wohnsiedlung genutzt wurden, sondern als saisonale Unterkünfte für Jäger oder Fischer dienten. Darauf weist eine weitere Untersuchung der Pfähle hin, die im Wasser gefunden wurden.

 
Ratsprotokolle des Bezirks Küssnacht von 1825 bis 1851 als Fundgrube: Die Transkription der über 2200 Seiten lässt vor allem den Alltag auferstehen, zeigt aber auch, wie die grosse Politik das «kleine» Küssnacht auf Trab hielt. (Bild: Staatsarchiv Schwyz)
Archive als Fundgrube
Dass auch das Schriftgut in den Archiven immer wieder Spannendes hervorbringt, belegen die Beiträge von Erwin Horat zu Ehrverletzungen gegenüber Amtspersonen um 1830 sowie von Ralf Jacober zur Wiederentdeckung der ältesten Schwyzer Zeitung. Dieses Wochenblatt wurde 1815 offenbar von Seiten der kantonalen Institutionen zur Erreichung politischer Ziele im Umfeld des Wiener Kongresses initiiert und – nach erfolgter Zustimmung der Schwyzer Landsgemeinde zur Wiener Erklärung und zum eidgenössischen Bundesvertrag – wieder eingestellt.
Wie tief die Protokolle der Bezirks- und Gemeinderäte blicken und vor allem den Alltag auferstehen lassen, führt Erwin Horat aus in seinem Werkstattbericht zu den Ratsprotokollen des Bezirks Küssnacht von 1825 bis 1851. Die Transkription von über 2200 Seiten zeigt, mit welchen Herausforderungen die Gesellschaft im 19. Jahrhundert zu kämpfen hatte – und wie auch die grosse Politik das «kleine» Küssnacht auf Trab hielt.
Eine Mentalitätsgeschichte vom Frühchristentum bis in die Neuzeit präsentiert schlaglichtartig Valentin Kessler in seinem Überblick zur Schwyzer Heiligenverehrung – unter Beizug der aktuellen Forschungsliteratur.
Natürlich darf auch heuer die Bibliografie von Erwin Horat und Markus Rickenbacher zu den zu Schwyzer Themen 2016 erschienenen Publikationen nicht fehlen.
 

 

 

 

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